Beitrag in der Zeitschrift Camenzind Nr. 18 „Die Provinz lebt!“, 2016

 

 

 

Der verlorene Sohn

 

Dass die Provinz lebt ist eine Nachricht, welche mich nicht im Geringsten überrascht. Ich verstecke mich jetzt auch nicht hinter dem berühmten Einleitungssatz beim Psychiater nach dem Schema: „Ich habe da einen Freund, der hat ein Problem...“ Nein, ich sage gerade heraus, wie es ist: Oh ja, ich kenne die Provinz! Nicht vom Wandern, sondern von innen. Denn da bin ich aufgewachsen; da komme ich her. Den Pösteler mit Vornamen kennen, Samichläuse an der Haustür in der Vorweihnachtszeit, Vereinsmitglied sein, Gummistiefel tragen, Velomädchen lassen sich von Töfflibuben unverbindlich den Hügel hinauf ziehen, bei den Nachbarn im Pyjama Bud Spencer-Filme schauen, Heugümper sammeln, Molche und Frösche natürlich auch, weisse Socken kombiniert mit vintage- und ironiefreien Mickey Mouse-Pullovern in der neunten Klasse tragen ohne gemobbt zu werden, der Götti spielt in der Dorfmusik, der Pfarrer hilft bei Ehe- und anderen Problemen, Papiersammlung halbjährlich, natürlich mit Traktor und Anhänger. Auf letzterem die Jugend, das Haar im Wind und selbstverständlich ohne Sicherheitsgurte, das jährliche Schul-Abschlusstheater, meistens Biedermann und die Brandstifter, mindestens drei Jahrgänge im selben Klassenzimmer, für jeden Weg über 100m das Auto benutzen.

All dies habe ich – zugegeben nicht sehr reumütig – hinter mir gelassen und so gut und schnell als möglich zu verdrängen mich bemüht.

 

Dem Land-Ei wird schon früh klar, dass es keine Ahnung hat. Vielleicht schon bei den ersten, sporadischen Besuchen in „der Stadt“, wo das folgsame Kind brav jeden entgegenkommenden Passanten grüsst. Spätestens während den regelmässigen Stadt-Aufenthalten zwecks Berufsschule dämmert ihm langsam: Hier bewegt man sich auf dünnem Eis und läuft Gefahr, als naiv und hinterwäldlerisch abgestempelt zu werden. Es lernt, vorsichtig zu sein. Denn in der Stadt gelten andere Gepflogenheiten: Bei schönem Wetter sind viele Menschen mit dem Fahrrad unterwegs, bei schlechtem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, wo man dann von fremden Leuten angehustet wird. Man muss sich nicht mehr mit Eishockey auskennen, sondern mit Fussball, auf den Strassen kommen Autos entgegen, nicht jede Person die mich anspricht will mir nur  Gutes, man sollte sich einer Gruppe anschliessen – am besten einer grossen – und auf entsprechende Kleidung und Verhaltensweisen achten, Bauern sind doof, Ausländer etwas weniger aber auch ziemlich, nicht alle meinen immer das, was sie sagen, es kann auch das Gegenteil oder gar nichts gemeint sein, alles kostet mehr Geld, nachts brennt überall Licht und trotzdem gibt es gefährliche Orte, die man besser meidet.

 

An diesem Punkt trennen sich die Wege der Land-Eier: Der eine führt zurück in die Provinz und eine Haltung der mehr oder minder starken Ablehnung gegenüber der Stadt und deren Bewohnern. Dieser Weg garantiert das Vertraute und Gewohnte. Der zweite führt aus der Provinz hinaus in die weite Welt oder zumindest eine andere Nuancierung von Provinz. Dieser Weg beinhaltet ein scheinbares Versprechen; ein eher fühl- denn benennbares. Etwas Neues, Aufregendes scheint zu warten, dessen Existenz man vielleicht noch nicht mal erahnte. So habe ich es bis nach Bern gebracht.

 

Von Zeit zu Zeit ist der Besuch bei Verwandtschaft angesagt. Denn nicht alle sind bereit, regelmässig die Strapazen des Weges in die Stadt auf sich zu nehmen. Die vielen Kreuzungen und Abzweigungen, wo man ständig riskiert, von der Stadt auf Nimmerwiedersehen verschluckt zu werden, das Suchen des gesuchten Gebäudes, das Finden eines freien Parkplatzes, die gierige Parkuhr. Ich fahre also im Bummler-Zug, entferne mich immer weiter von der Stadt  und schaue aus dem Fenster. Ohne Nostalgie betrachte ich die vorbeiziehende, ehemals so vertraute Landschaft, jedoch mit dem verklärten Blick des Stadtmenschen. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass die Verwandtschaft – mein Fenster zur Provinz – wohlauf ist, mache ich mich wieder auf den Rückweg. Mit gemischten Gefühlen.

 

Wo komme ich her, wo gehe ich hin?

 

Ich komme nicht umhin, ein weiteres Geständnis abzulegen: Mittlerweile könnte ich mir sogar wieder vorstellen, in der Provinz zu leben – wohnen und arbeiten. Sie mag zwar vielerorts hässlich sein, doch ist die Stadt überall schön? Bei weitem nicht! Haben nicht alle, die es sich leisten können, ein Ferienhaus weitab von der Stadt? Und verbringen nicht alle anderen wenigstens einmal jährlich ein paar freie Tage dort? Landsitze waren zu allen Zeiten hoch geschätzt. Wahrscheinlich braucht der Stadtmensch die Provinz. In verschiedenster Hinsicht. Und auch das urbane Gärtnern wird die Unabhängigkeit nicht bringen. Fest steht aber, dass die Provinz ebenso wenig auf die Stadt verzichten kann. Nicht von ungefähr stehen die geläufigen Bezeichnungen wie Agglomeration, Suburb oder Provinz für die eine Aussage: Die Stadt bildet das Zentrum; einen Kern auf den hin das gesamte Umland ausgerichtet ist. Ein zentralistisches Denken, welches Hierarchien den Vorzug gegenüber Gleichberechtigung gibt. Ist es nicht an der Zeit, diese hierarchischen Weltanschauungen endlich zu begraben?

 

Vollziehen wir die Gleichberechtigung von Provinz und Stadt!

 

Der Zug hält in Bern. Stehe ich im überfüllten Tram denke ich an die Ruhe von menschenleeren Flurwegen am Waldesrand, sitze ich in einem kleinen Kaff an der Dorf-Durchfahrtsstrasse mit Aldi, Lidl und vier Tankstellen sehne ich mir ein Museum herbei – es könnte auch ein ganz kleines sein. Öffne ich morgens die Fenster meiner Wohnung, nur um vom Quietschen des Trams und dem Zigarettenrauch der Hausbewohnerin im Stockwerk unter mir begrüsst zu werden oder sitze ich spät abends um 19.30 Uhr alleine im letzten Zug von Oberdiessbach nach Bern mit Umsteigen und 30 Minuten warten in Konolfingen, dann frage ich mich, warum bloss alles so schwer ist. Was wäre, wenn…

 

Ich in Borisried leben würde? Oder in Zürich? Mal da, mal dort?

Klar ist vor allem das eine:

Aus der Provinz kommt man so schnell nicht raus...