Beitrag in der Zeitschrift Camenzind Nr. 19 „Die allerletzte Ausgabe“ 2018

 

 

 

Ist das jetzt das Ende?

 

Als ich vor zwölf Jahren mein erstes Projekt als selbstständiger Architekt entwarf und realisierte, war alles neu. Nicht das Bauen an sich. Das kannte ich als Baumeistersohn und Hochbauzeichner-Lehrling in einem „Feld, Wald und Wiesen-Architekturbüro“ im Aaretal bereits ausgiebig. Nein, das Neue war die Architektur. Ich hatte mir – noch in der Lehre – ein Buch gekauft, welches unter dem Titel SWISS MADE – Neue Schweizer Architektur (2003) die Avantgarde der neunziger Jahre versammelte. Andächtig blätterte ich Seite um Seite, hielt den Atem an; gespannt, was mich als nächstes erwartete, um bei jedem neuen Bild innezuhalten – und mit einem tiefen Seufzer der Freude wieder auszuatmen, das Erblickte förmlich einzusaugen, mir jedes Detail einprägend.

 

Von jetzt an würde auch ich Architektur machen, anstatt das Aaretal durch anspruchslose Mehrfamilienhäuser mit Aussenisolation zu bereichern. Mein ehemaliger Lehrmeister, bei dem ich weiterhin arbeitete, um die Berufsmatura zu finanzieren, wusste nicht, dass ich neben Arbeit und Schule auch noch ein eigenes Projekt plante. Abenteuerduft lag in der Luft. Nachts, wenn alle Fenster unseres Hauses bereits dunkel waren, sass ich an meinem Computer, zeichnete Ausführungspläne – SWISS MADE stets aufgeschlagen neben mir – und am Sonntag fuhr ich zur Baustelle, um den Stand der Arbeiten zu kontrollieren. Freizeit hatte ich keine, meine Work-Life-Balance war alles, nur nicht ausbalanciert und das Honorar für dieses erste Projekt war wenig mehr als ein Trinkgeld. Und ich war glücklich.

 

Architektur-Biennale in Venedig, 2016. Ich bin unzufrieden. Seit einiger Zeit fühle ich eine starke innere Unruhe; eine unerklärlich Getriebenheit hat die sonst mir eigene Gelassenheit verdrängt. Ich nehme eine Auszeit, arbeite anschliessend weniger, räume der sogenannten Freizeit viel mehr Platz ein. Hilft nicht, also umgekehrt. Stürze mich in die Arbeit, mache am liebsten alles gleichzeitig, um der Getriebenheit davonzurennen. Keine Verbesserung. Autogenes Training, Atemübungen und Aikido lindern zumindest die Symptome. Wo ist die Euphorie des jungen Architekten geblieben, der ich ja eigentlich noch immer bin? War`s das jetzt? Ist das jetzt das Ende der engagierten, ausfüllenden Tätigkeit? Gibt es ab jetzt nur noch Arbeit, die getan werden muss? Soll ich mir also ein Hobby zulegen? Vielleicht brauche ich ja einfach etwas Neues, eine Entdeckung, welche das Feuer wieder entfacht. Wann habe ich denn letztmals etwas Neues für mich entdeckt? Eben dies verspreche ich mir von der Biennale.

 

In den meisten Länderpavillons (und auch in der Hauptausstellung) wird sehr breit und erschöpfend untermauert, was man als informierter Architekt bereits weiss: Heute muss Architektur partizipativ sein. Es soll für und mit Flüchtlingen gebaut werden. Teilhabe ist wichtiger als Ästhetik und von indischen Handwerkern können wir mehr lernen, als sie von uns. Der Erweckungseffekt bleibt (zumindest bei mir) leider aus.

 

Weiter zum Schweizer Pavillon in den Giardini: Der diesjährige Beitrag hat (wie auch schon der von 2014) den Vorteil, dass man den Bau von Bruno Giaccometti auch einmal leer bewundern kann. Nachdem man sich vor Ort beim Durchblättern mehrerer knüppeldicker Fachzeitschriften davon überzeugen konnte, dass die Welt es hier mit einer nie dagewesenen Leistung auf dem Gebiet der digitalen und analogen Formfindungs- und Herstellungsprozesse und deren Verbindung zu einer Struktur, welche sich mit den herkömmlichen Mitteln des Architektur- und Form-Diskurses nicht beschreiben lässt, zu tun hat, passiert es also: Man betritt den Hauptraum mit dem Gebilde. Ich betrachte es von aussen, umkreise es; ziehe dann die Schuhe aus, steige hinein, setze mich hin, schaue mich um und denke: Aha! Und was hat das jetzt mit mir zu tun? Tatsächlich machte ich gerade kürzlich eine Entdeckung, allerdings nicht auf dem Gebiet der Architektur. Diese brachte mir zwar keine neue Euphorie, jedoch zumindest eine heisse Spur:

 

Sendung Kontext vom 10.02.2017 auf Radio SRF 2: „Kriegs-Enkel oder die Last des historischen Erbes“ war der Titel. Und die damit verbundene Frage, ob vorangegangene Generationen und deren Taten die Art prägen, wie wir heute leben. Als „Kriegsenkel“ werden die heute 30 bis 50-jährigen bezeichnet, vor allem Deutsche, aber natürlich nicht nur. Menschen, welche keinen der beiden Weltkrieg erlebt haben und in weitgehend sorgenfreiem Wohlstand aufgewachsen sind. Und trotzdem tragen sie die Last der Geschichte in Form von Traumata, welche von ihren Vorfahren jeweils an die Kinder weitergereicht wurden. Traumata, welche sich in der Erziehung und im täglichen Familienleben niederschlugen.

 

Zu Wort kam auch der Zürcher Schriftsteller Sacha Batthyany, welcher kürzlich das Buch Und was hat das alles mit mir zu tun? Veröffentlichte. Die Dokumentation seiner Nachforschungen in der eigenen Familie, welche zu Tage fördern, dass seine Grosstante in eines der schrecklichsten Verbrechen am Ende des 2. Weltkrieges verwickelt war. Und die Unfähigkeit der Familie, darüber zu reden; einen Umgang damit zu finden. Um die Probleme und Verhaltensstörungen zu beschreiben, welche sich daraus für die „Enkel“ ergeben können, schickt der Psychologe in der Sendung folgendes Fachwort über den Äther: Parentifizierung.

 

Diese tritt anscheinend nicht nur bei den sogenannten „Kriegsenkeln“ auf, sondern in allen Verhältnissen, wo Traumata unverarbeitet weitergegeben werden. Und führt dazu, dass (im Kontext der Familie gesprochen) die Kinder entweder in die Elternrolle gedrängt werden oder diese von sich aus übernehmen. Es herrschen also verkehrte Verhältnisse. Salopp ausgedrückt übernimmt das Kind Probleme und Aufgaben, welche die Eltern nicht lösen können. Und gibt dafür oft wichtige Aspekte seiner Kindheit auf: Spontaneität, Lebhaftigkeit, Sorglosigkeit, Freude und Spiel.

 

Ich sitze vor dem Radio, Mund und Augen weit geöffnet, das Herz schlägt mir bis zum Hals. Geht es mir nicht genau so!?

 

Die jungen Architektinnen und Architekten unserer Tage sind allesamt Kriegs-Enkel. Nämlich des Krieges, den einst unsere Vorfahren zur Zeit der Moderne gegen die Geschichte führten. Alles Vorangegangene niedermachend, schwangen sie sich auf, die Gesellschaft, ja sogar die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Mit Hilfe der heilbringenden Architektur, der höchsten aller Künste. Der Startschuss der Architektur-Parentifizierung!

 

Die Folgen davon können heute täglich in den Medien nachgelesen werden: Star-Architekten, meist männlich und ihre zahlungskräftigen, männlichen Kunden, welche noch immer an das Heilsversprechen der Architektur glauben (zumindest in Bezug auf ihr Portemonnaie oder ihre Reputation), beglücken die Welt in immer kürzeren Abständen mit Gebäuden, welche aus der Vogelperspektive entworfen werden.

 

Kein Wunder, lehnen sich viele dagegen auf und übernehmen die Verantwortung für das, was unsere Vorgänger/-innen nicht geschafft haben: Sie stellen den Menschen ins Zentrum ihres Schaffens. Ein harter Wechsel von der Vogel- zur Fussgängerperspektive. Mein Problem damit: Hinter alldem sehe ich auch das Pendel der Geschichte, das wieder mal auf die Gegenseite ausschlägt. Vom einen Extrem ins andere. Apropos extrem: Der rein formalistische Biennale-Beitrag der Schweiz ist symptomatisch für unser Land. Einerseits ist es löblich, dass in der Schweiz Forschung (denn dieser Beitrag ist für mich nichts anderes) auf solch hohem Niveau betrieben wird, losgelöst von jeglichem politischen hin und her – und auch der Daily News. Doch gerade dieser Umstand war häufig ein Hauptargument der Kritik. Verständlich im Kontext einer Biennale mit dem Titel REPORTING FROM THE FRONT. Was soll man mit diesem Gebilde im Schweizer Pavillon anfangen, bei dem es gar keine Front zu geben scheint!? Historisch betrachtet war die Schweiz meistens sehr erfolgreich damit, das aktuelle Weltgeschehen erst einmal zu ignorieren und unbeirrt nach bewährter Art weiterzumachen in der Hoffnung, der Sturm möge an ihr vorüberziehen. Bei aller Häme hatte dies natürlich auch viele Vorteile, wobei ich vor allem einen herausstreichen möchte: Wir haben die Welle der Postmodernen Architektur fast unbeschadet überstanden!

 

Schade nur, dass ich mich in keiner dieser Positionen völlig wiederfinde. Ich will mich auch nicht entscheiden müssen zwischen der einen oder anderen Seite; beide haben ihre Berechtigung und sollen sie auch in meiner Arbeit haben. Liegt nicht gerade darin die Freiheit unserer Zeit, der Vorteil im oft lamentierten Pluralismus? Dass ich mich eben nicht festlegen muss auf entweder Engagement, abgehobene Form-Forschung oder darauf, (huch!) ein kleines Wohnhaus zu bauen, ein Einfamilienhaus gar, auch wenn dies gerade nicht opportun ist? Die Möglichkeit, das eine zu tun und das andere deswegen nicht zu lassen.

 

Bauen meine ehemaligen SWISS MADE-Vorbilder lieber die Elbphilharmonie oder den Prime Tower, anstatt sich um die wirklichen Probleme zu kümmern? Vielleicht, aber wer sagt denn, wo die wirklichen Probleme liegen? Haben sie beispielsweise das von ihnen mitverursachte Problem der Agglo mir und anderen jungen Architekten zur Lösung überlassen? Oder haben wir diese Aufgabe selbst an uns gerissen? Bin ich persönlich in den letzten Jahren dem Alltagstrott verfallen, anstatt innezuhalten und mich zu fragen, was hier und heute nötig ist und was ich selbst eigentlich will? Habe ich mich von den Problemen der Vorfahren vereinnahmen lassen und mich dadurch von mir selbst wegbewegt oder mich selbst dadurch gar nicht erst gefunden? Stehe ich mir selbst im Weg weil ich meine, mich für eine Seite entscheiden zu müssen? Für den einen Standpunkt?

 

Fragen über Fragen. Ist das jetzt das Ende? Im Falle von Camenzind und diesem Text lautet die Antwort: leider ja. Im Falle meiner Selbstfindung: leider nein, die hat gerade erst begonnen.

 

 

 

P.S.: Weil ja Architekten bekanntlich Opportunisten sind, versuche ich das jetzt auch mal. Wenn mich jemand für seine Zeitschrift engagieren möchte; ich bin ab jetzt zu haben! Und berichte gerne, wie es mit meiner Selbstfindung weitergeht, natürlich auch für Geld.