Beitrag für die Zeitschrift Camenzind, unveröffentlichte Ausgabe «Briefe»

 

 

 

Sehr geehrte Redaktion des Camenzind Magazins

 

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit Architektur. Meine Hilflosigkeit hat mich dazu bewogen, Ihnen zu schreiben.

 

Mein Name ist Toni Brummer und ich bin Präsident des Vereins „für ein schöneres Güllenbachtal“. Ich kann sagen, dass ich in den letzten Jahren durch meine Arbeit zu einigem Ansehen und auch Wohlstand gekommen bin. Nun gut, mit dem Ansehen will es noch nicht so recht vorangehen, was auch der Grund für mich war, Präsident des besagten Vereins zu werden. Und ausserdem besitze ich ja ein kleines Haus, das mit seiner fröhlichen Ausstrahlung, den Spitzenvorhängen, den Geranien und dem weiss getünchten Gartenzaun bereits einen Beitrag zur Verschönerung unseres friedlichen Städtchens Güllen leistet. Man ist sich ja seiner Verantwortung als Bürger bewusst, nicht wahr?

 

Nun hat sich der Gemeinderat unseres Städtchens dazu entschieden, ein neues Gemeindehaus zu bauen. Da aber niemand bei uns über Erfahrung mit dem Bauen verfügt war es naheliegend, eine fähige Person damit zu beauftragen, sich etwas schlau zu machen, Sie verstehen. Sich etwas umzusehen. Naheliegend war auch, dass diese Wahl auf mich fiel.

 

Ich habe mich jetzt also mehrere Monate mit dem Bauen, also mit Architektur beschäftigt. Allerdings habe ich keine Antworten gefunden sondern es stellen sich mir nur immer mehr Fragen. Man könnte sagen, dass ich im Moment etwas „am schwimmen bin“, wie man so sagt. Aber eins nach dem anderen:

 

Als erstes besuchte ich einen schlecht besuchten Vortrag eines Architekten. Mir fiel auf, dass ich irgendwie nicht so ganz dahin passte. Offensichtlich hatte ich nicht gemerkt, dass eine bestimmte Art von Kleidung erwünscht war. Und nicht nur das. Ich war wohl auch der Einzige der nicht verstand, was dieser Architekt da vorne redete. Also habe ich versucht, wenigstens den Bildern zu folgen. Alle anderen hörten gebannt zu und machten ein Gesicht wie die Kinder in der Sonntagsschule, wenn die Lehrerin eine tolle Geschichte erzählte. Obwohl es eigentlich gar nicht so spannend tönte. Ich habe also schon gehört, wie ein Bauer leidenschaftlicher über die Zitzen seiner besten Milchkuh redete, als dieser Architekt von seinen Häusern.

 

Als nächstes habe ich mir Zeitschriften angesehen. Man will sich ja ein umfassendes Bild machen, nicht wahr? Und mich traf also fast der Schlag sage ich Ihnen, als ich bei mir zu Hause gemütlich auf dem Balkon hockte und diese Zeitschriften durcharbeitete. Darf ich Ihnen einige Beispiele geben? Weltgewandt wie ich bin, habe ich natürlich keine lokalen Beispiele ausgewählt, auch um keinen hiesigen Architekten dumm hinzustellen.

  

Bild 1

Bild 2

Zitat zu Bild 1:

 

„Als Teil eines städteplanerischen Projekts, das die Docks von Lyon wiederbeleben soll, soll das fünf Stockwerke hohe Gebäude die Bewegungen der Saône widerspiegeln.“

 

 

Zitat zu Bild 2:

 

„Riesiger Kaktus: Stachelige Angelegenheit - mal abgesehen von der Größe fügt sich das neue Bürogebäude des Ministeriums für städtische Angelegenheiten und Landwirtschaft hervorragend in seine natürliche Umgebung ein - der des Wüstenstaats Katar.“

 

Nennen Sie mich begriffsstutzig, wenn Sie wollen, aber das habe ich nicht kapiert! Wo sich in diesem orangen Emmentaler-Klotz der Fluss widerspiegeln soll, bleibt für mich ein Rätsel. Und übrigens habe ich mich schlau gemacht: In Katar gibt es gar keine Kakteen! (Ausser vielleicht in den klimatisierten Gärten dieser Öl-Scheichs)

 

Hier noch einige Fundstücke:

 

Bild 3

Bild 4

Zitat zu Bild 3:

 

„Das Design verinnerlicht fundamentale demokratische Werte wie Offenheit, Transparenz und öffentliches Mitspracherecht.“

 

 

Zitat zu Bild 4:

 

„Die wellige Form fungiert als klare Teilung in der Skyline von Stockholm zwischen dem historischen Zentrum und dem neuen dynamischen Gewerbegebiet.

 

Das Architekturbüro hat das Kongresscenter nicht nur als Trenn- bzw. Verbindungsgebäude zwischen Alt und Neu entworfen, sondern wird mit der gewellten Fassade auch dem Thema Wasser und Hafen gerecht.“

 

Wird in der Architektur die Demokratie dadurch gezeigt, dass jeder baut was er will? Bei diesem Gebäude hatte wohl wirklich jeder Mitspracherecht, so gut wie das zusammenpasst. Und wie kann etwas trennend und zugleich verbindend sein? Ist diese Form des Gebäudes automatisch gerechtfertigt, nur weil ja der Fluss auch Wellen schlägt? Glücklicherweise scheint das nur eine Art Kulisse zu sein, die sich später wieder entfernen lässt.

 

Ein weiterer Leckerbissen:

 

„Dort soll die Installation informieren, bilden und die öffentliche Aufmerksamkeit schärfen - gleichzeitig aber mit den architektonischen Highlights koexistieren und interagieren.

 

Form und Farbgestaltung der Installation dienen dazu, das Auge des Betrachters zunächst zu verwirren und dessen ersten Eindruck zu hinterfragen.“

 

Noch irgendwelche Fragen? Also, ich weiss nicht wie es Ihnen geht, Sie sind ja Fachleute. Aber ich werde daraus nicht wirklich schlauer. Ich weiss nur, dass ich von unserem neuen Gemeindehaus weder verwirrt, noch hinterfragt werden will. Stellen Sie sich mal vor wie das ist, wenn man an jeder Ecke von einem Gebäude verwirrt und hinterfragt wird. Psychisch angeschlagene Menschen dürfte man ja gar nicht mehr frei herumlaufen lassen, die würden sich ja bei nächster Gelegenheit von einer Brücke stürzen.

 

Ich ziehe aus alldem folgende Erkenntnisse:

 

Die Architekten versuchen mit allen mehr oder weniger naheliegenden Mitteln zu erklären, warum genau dieses in ihren Augen wahnsinnig toll aussehende Haus gebaut werden sollte. Und anscheinend werden sie dabei von den Journalisten tatkräftig unterstützt. Die Taktik dabei ist es, für wirre Fantasien, für die es keine echte Begründung gibt, trotzdem eine zu finden, sei sie auch noch so weit hergeholt. Und die Auftraggeber glauben ihnen noch so gerne, dass sie einen riesigen Klotz bekommen, der sich so vorbildlich integriert. Und auf den Computerbildern sieht das ja auch immer so schön aus, schöner fast als die Realität: Es hat viele Menschen, die das Gebäude genau so benutzen, wie es sich die Architekten vorgestellt haben, alle sind fröhlich und die Sonne scheint.

 

Zum Schluss noch zwei Fotos eines neuen Bürogebäudes

 

Hier waren selbst die Journalisten mit ihrem Latein am Ende. Nichts ist in der Umgebung, das für einen Vergleich herhalten könnte. Wenigstens ist der Innenraum überzeugend: Hell und mit viel Aussicht. Ein Arbeitsplatz, auf den man neidisch sein kann.

 

Wenn ich mir das alles so ansehe fällt es mir wirklich schwer, Argumente dafür zu finden, für unser neues Gemeindehaus einen Architekten zu engagieren. Wenn mich noch jemand überzeugen kann, dann vielleicht Sie. Ihr Magazin ist mir nämlich aufgefallen, müssen Sie wissen. Als Querschläger zu den übrigen Architekturzeitschriften, die sich darauf beschränken den Architekten und sich selbst auf die Schulter zu klopfen.

 

Wenn Sie es nun auch nicht schaffen mich von Architektur zu überzeugen, werde ich dem Gemeinderat vorschlagen, eine Generalunternehmung mit dem Bau zu beauftragen. Da weiss man von Anfang an was die Sache kosten wird und die Architektur ist auch schon inklusive.

 

 

 

Mit freundlichen Grüssen

 

Toni Brummer

 

 

P:S.: Kennen Sie gerade eine preisgünstige Firma für Aussenisolationen? Ich möchte nämlich einen Beitrag leisten und mein Häuschen energetisch auf den neuesten Stand bringen. Wegen der Nachhaltigkeit, Sie verstehen. Zu diesem Zweck will ich eine 20cm dicke Isolation aus Styropor aufkleben lassen. Die Nachbarn machen das jetzt auch, das sieht fast so aus wie vorher, kaum ein Unterschied. Und einen Architekten braucht man auch nicht dafür. Den billigsten Handwerker kann ich nämlich selbst auswählen.