Rede zur Beerdigung der Zeitschrift Camenzind, im Rahmen der Installation «Church» von Rob Pruitt in der Kunsthalle Zürich, anlässlich des Erscheinens der allerletzten Ausgabe, März 2018

 

 

 

Wie es so weit kommen konnte

 

Aber am achten Tag, da den Menschen bereits langweilig zu werden drohte und die Baukultur schon im Niedergang begriffen war, schuf Gott die Zeitschrift Camenzind.

Und er sah sein Werk und es war sehr gut.

 

Viele Jahre mit reger Bautätigkeit gingen ins Land und der heilbringende Samen den Gebote in Camenzind, welche in unregelmässigen Abständen auf dem Berge Sinai empfangen wurden, fiel auf immer weniger fruchtbaren Boden. Die Menschen begannen, ihre Häuser mit kompakter Aussenwärmedämmung zu versehen.

Also schickte Gott ihnen die Sintflut.

 

Doch vorher befahl er Noah, eine Arche zu bauen. Aus massivem, einheimischem Holz gefertigt und ohne geklebte Verbindungen, so dass alle Bestandteile nach der Sintflut wieder dem göttlichen Materialkreislauf zugeführt werden können.

 

Nach vielen Jahren auf See, denn es brauchte lange, lange Zeit, bis all der Styropor und übrige Kunststoff in Kleinstteile zerfallen und von den Meerestieren gefressen worden war, wurde Noah zunehmend nervös, da seine Photovoltaikanlage langsam aber sicher den Geist aufgab. Nach Monaten eingeschränkten Smartphone-Gebrauchs und kaltem Duschen endlich die Erlösung: eine Taube erschien und im Schnabel trug sie die finale, 19. Ausgabe von Camenzind.

 

Darin konnte Noah lesen, dass Gott nun die Lösung gefunden habe und deshalb den Wasserspiegel wieder sinken lasse. Und er las die Gebote, nach welchen er das neue Paradies errichten solle.

 

Es waren nur drei:

 

-          Lebe in Demut und Bescheidenheit

 

-          Vergiss die Freude nicht

 

-          Baue partizipativ