Beitrag in der Zeitschrift Auguste Bolte Nr. 1, Februar 2012

 

 

 

Die Welt ist schlecht - es muss etwas los sein

 

Warum muss denn immer etwas los sein? Damit wir keine Zeit haben, um nachzudenken. Wenn etwas los ist, dann ist es folglich nicht mehr angebunden; es wurde sozusagen losgelassen. Und weil immer etwas los sein muss, sind wir ständig hinter diesem etwas her, ohne es jemals zu fangen. Und falls doch, wird es sogleich wieder freigelassen, weil ja immer etwas los sein muss. Was ist dieses Etwas überhaupt? Müssen wir es denn einfangen? Warum lassen wir es nicht einfach davonziehen? Vielleicht kommt es ja ganz von selbst zurück. Weiss das überhaupt jemand? Oder ist es vor langer Zeit zur leeren Floskel geworden, die alle fleissig wiederholen, um dazuzugehören? Vielleicht sollte mal jemand diesem jemand auf die Schliche kommen, welcher behauptet hat, es müsse etwas los sein.

 

Sicher ist nur, dass es uns beschäftigt, auf Trab hält, vielleicht sogar ausfüllt. Und uns somit die Zeit zum Nachdenken nimmt, respektive erspart. Denn Denken ist anstrengend. Da ist es doch viel praktischer, wenn immer etwas los ist.

 

Damit lässt sich sicher Geld verdienen und auch Politik betreiben, was einander ja nicht ausschliesst, sondern wunderbar ergänzt. Eine moderne Form der antiken Maxime „Brot und Spiele“, um die Massen zu unterhalten und abzulenken von den wichtigen Dingen - den grossen Zusammenhängen, den echten Problemen. Nur dass diese Zückerchen fürs Volk im alten Rom gratis waren, während wir heute gerne dafür bezahlen, dass immer etwas los ist. Noch so gerne lassen wir uns unterhalten und mit Schreckensmeldungen und Sensationen zuschütten, um uns das Denken zu ersparen. Denn Denken ist mühsam und macht melancholisch; mich zumindest. Es macht mich wütend, traurig und ich fühle mich plötzlich alt. Wenn ich darüber nachdenke, wie vieles eigentlich falsch läuft in dieser Welt und ich mich frage, ob die Welt schon wieder schlechter geworden ist oder ob es mir erst jetzt auffällt. Wer sich also jung und dynamisch fühlen will, sollte sich auf keinen Fall durch übermässiges Nachdenken die gute Laune und ewig jugendliche Frische verderben lassen.

 

Und schon ist es wieder mal soweit: Ich schreibe diesen Text, denke nach und meine Laune verschlechtert sich dabei zusehends. Glücklicherweise ist das Gegenmittel schnell zur Hand: Mit einer Fernbedienung oder einem I-Dingsbums ist immer etwas los.

 

Das tolle an diesen I-Dingsbumsens ist ja, dass man damit überall mittels E-mail geschäftlich erreichbar bleibt. So hat mein Vorgesetzter (kann auch eine Vorgesetzte sein) die Möglichkeit, mich auch nach dem Abendessen noch über die neuesten Entwicklungen und anstehenden Sitzungstermine zu informieren. Man will ja auch zu Hause um keinen Preis auch nur ein Detail der nervenaufreibenden Tätigkeiten dieser Leute verpassen. Denn diese werden in gleicher Weise von ihren Vorgesetzten informiert und diejenigen wieder von deren Vorgesetzten und so weiter, bis wir schliesslich beim vorläufigen Chef, dem Abteilungsleiter angelangt sind, zu dem alle aufblicken.

 

Dieser Mann, der auch eine Frau sein kann – was aber seltener vorkommt – ist eine zeitlose Person im wahrsten Sinne, weil er nie Zeit hat (Freizeit ist beim Begriff Zeit mitgemeint, ist nämlich eine Unterkategorie derselben und das ist traurig). Glücklicherweise ist dieser Mensch (Mensch, der  steht im weiteren Verlauf des Textes sinngemäss für männliche und weibliche Personen) in Management geschult, sonst hätte er noch weniger Zeit. Denn erst sein ganzes Arsenal an Schulungen, Kursen, Abschlüssen, Titeln und Untertiteln gibt ihm die Möglichkeit, seine Arbeit in befriedigender Weise zu erledigen. Erst all die erworbenen Sozial-, Fach- und überhaupt -kompetenzen ermöglichen es, diese übermenschliche Menge an Sitzungen, Protokollen und Bewertungen abzuwickeln. Aber ohne geht es leider nicht; das hat man schon vor dreissig Jahren gemerkt, als solche Menschen begannen, in den Firmen und Verwaltungen Fuss zu fassen, die Zügel in die Hand zu nehmen. Im selben Zeitraum gerieten auch viele bis anhin florierende Firmen in Bedrängnis. Glücklicherweise waren die Management-Menschen schon zur Stelle und erkannten auch des Übels Wurzel: Man arbeitete zu wenig effizient. Überhaupt war eigentlich alles, was vorher aufgebaut und eingerichtet wurde sowieso unbrauchbar, wie leider festgestellt werden musste. Ein Wunder, dass man so Geld verdienen und überleben konnte. Also das Alte raus, das Neue rein! Alles neu und anders war die Devise, Effizienzsteigerung das Losungswort. Messwerte wurden eingeführt; Arbeitsanweisungen. Und alle waren heilfroh, dass man eine so einfache Lösung gefunden hatte. Mann konnte sogar wieder Arbeitsplätze schaffen, denn jemand musste sich ja um diese neu entdeckte Effizienz kümmern, sie hegen und pflegen.

 

Doch so recht erholen wollten sich die Bilanzen dann doch nicht, obwohl mittlerweile viele Menschen daran arbeiteten, die Effizienz aller anderen zu überwachen.

 

Wieder hatten die Management-Menschen die rettende Idee: Die Qualität war vergessen worden. Schnell wurden weitere Leute eingestellt, um den drohenden Niedergang abzuwenden.  Arbeitsinstrumente und Fragebögen aus dem Ärmel geschüttelt, sowie Gremien eingerichtet, um die Qualität zu messen und zu überwachen. Doch als schon alle zufrieden nach Hause gehen wollten, kam die Überraschung: Es war keine Verbesserung erzielt worden, das Unheil drohend wie zuvor. Erneut mussten die Management-Helden (Aufstieg von Menschen zu Helden auf Grund ausserordentlicher Leistungen, etwa zeitgleich mit dem Niedergang der Firmen und Verwaltungen) eingreifen und fanden das vorerst aktuellste Problem: Kommunikation.

 

Diesmal war alles anders, jetzt hatte man an alles gedacht. Und damit so ein Desaster nicht noch einmal passieren konnte, wurden die Management-Helden zu Hütern des Heiligen Grals ernannt. Deren Aufgabe besteht darin, sich ausschliesslich mit Problemen betreffend Erneuerung, Effizienz, Qualität und Kommunikation zu beschäftigen. Selbstverständlich erfordert diese Tätigkeit sehr viele Koordinations- und andere Sitzungen, sodass jeder Gralshüter einen Stab von Mitarbeitern hält, welcher die Sitzungen organisiert und die Unterlagen bereitstellt. Jedes dieser Stabsmitglieder braucht natürlich seinerseits wieder Mitarbeitende, welche seine Sitzungen mit dem vorgesetzten Gralshüter und den anderen Stabsmitgliedern koordinieren, und so weiter und so fort.

 

Und genau deshalb ist bei mir auch nach dem Abendessen und am Wochenende immer etwas los. Das nennt man Kausalitätskette.