Beitrag in der Zeitschrift Camenzind Nr. 7 «Anything Goes nicht mehr», 2010

 

 

 

 1_Ich sehe schwarz

 

Schwarz von oben bis unten, Hornbrille ebenfalls in schwarz und dazu maximal ein roter Schal. Was aber schon sehr extravagant ist: Die Uniform der Architekten und all jener, die es mal werden möchten. Zeitlos, elegant, zurückhaltend und doch bestimmt. Immer bereit, spontan einer Beerdigung beizuwohnen. Oder der Eröffnung eines Einkaufszentrums. Egal wann und wo, Architekten glänzen stets mit Zurückhaltung. Zumindest solange man sie nichts fragt.

 

Nun stehen und entstehen aber in unserer Umgebung zunehmend Gebäude, die diesen Attributen völlig entgegenstehen. Während also Architekten bei ihrem Äusseren mit grösster Strenge vorgehen, lassen ihre Bauten jegliche Prinzipien vermissen. Eine Tatsache die ihrerseits zunehmend als Konzept zu taugen scheint.

 

Nun, als Architekt ist die Selbstverwirklichung heute nicht mehr so einfach. In den guten alten Zeiten hatte der Baumeister noch die absolute Kontrolle. Ein Alleinherrscher, ein Allwissender gar, wenn es um das Bauen ging. Heute prallt dieses riesige Ego immer stärker auf Gegenwind. Denn längst sind die Architekten von grösseren Bauaufgaben technisch und organisatorisch überfordert. Ingenieure, Planer und Manager aller Fachrichtungen spucken ihnen in die Suppe. Wenn es ganz schlimm kommt, will sogar der Bauherr mitreden.

 

Die Architekten, in die Enge getrieben und ihres Spielraumes beraubt, preschen nach vorne und flüchten sich in einen Untergang mit wehenden Fahnen. Sie zahlen es den Fachleuten und dem Bauherrn heim, indem sie ihre letzte verbliebene Domäne exzessiv zelebrieren: Die Form und Fassade eines Gebäudes. Je aufsehenerregender desto besser. Die anderen Baubeteiligten werden die Probleme dann schon lösen. Wichtig ist auch, immer etwas Neues zu finden. Denn es ist ja unmöglich eine Idee ein zweites Mal zu verwenden.

 

Und siehe da: Die Welt ist begeistert! Die Architekten sind wieder jemand!

 

Die Medien reissen sich um die neuen Stars und deren Fassaden. Die grossen Firmen riechen Profit und Publicity. Eine riesige Maschinerie setzt sich in Gang und verselbstständigt sich. Es ist nicht mehr feststellbar, wer angefangen hat. Und einfach Frank O. Gehry die Schuld zu geben, ist vielleicht doch etwas zu einfach.

 

Derweil sind die Architekten eigentlich schon wieder überfordert. Während den Anfangszeiten der Moderne verursachte die Ausführung von kühnen Ideen grosse Probleme. Mittlerweile verhält sich die Sache eher umgekehrt. Eine Unmenge von digitalen Entwurfswerkzeugen und Fertigungsprozessen steht zur Verfügung und wartet darauf, dass visualisiert, modelliert und simuliert wird. Ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf. Und Abgründe. Darf man etwas tun, allein nur weil es möglich ist; man es also tun kann? Diese Frage stellt sich eigentlich gar nicht, weil ihr zu viel Idealismus innewohnt. Im Kampf um die Aufmerksamkeit von Medien, Geldgebern und Firmen scheint Idealismus wie ein weit entfernter, nebulöser Glanz am Firmament. Einst wurde er von den Architekten verehrt. Dann entfernte man sich immer weiter von ihm, bis er schliesslich gänzlich ausser Sichtweite lag.

 

Orientierungslos treiben sie nun dahin, als Spielball der Medien. Reduziert auf eine Marke mit Wiedererkennungs- und Verkaufswert. Für die stetig geforderten medienwirksamen Entwürfe fehlen schon lange die Berechtigungsgründe. Worin liegt der Sinn dafür, dass ein Gebäude davonzufliessen scheint? Instabil wirkt, luftig und wolkig oder eher stürmisch und schnell, wild, chaotisch, umzukippen droht, davonzufliegen vortäuscht oder einer Explosion ähnelt, wo es doch um Einkaufen oder Wohnen geht?

 

Die heutigen grossen Bauwerke sind inhaltlich verarmt. Grosse Gebäude kaschieren kleine Ideen. Eine weitere Entwicklung seit der Moderne ist bedenklich. In diesen Anfangszeiten der Architekturpublikationen und im Besonderen des Architekturbuches, wurden die Medien von den Architekten bewusst genutzt, um möglichst viele Menschen für ihre Zwecke zu erreichen.

 

Dieses Verhältnis hat mittlerweile eine Positionswechsel erfahren: Die Architekten sind nicht mehr länger Nutzer, sondern Sklaven der Medien.

 

 

2_Ich sehe Ornament

 

Sehr geehrter Herr Loos. Ich bin sicher, sie sind jetzt an einem besseren Ort. Wo es kein Ornament gibt und keinen Deutschen Werkbund.

 

Und ich bin froh, dass sie bereits tot sind. Denn wenn sie die Geschichte miterlebt hätten, welche mir kürzlich widerfuhr, sie wären bestimmt vor lauter aufflammendem Zorn an einem Herzinfarkt gestorben.

 

Sie, Herr Loos, waren noch kein Diener der Medien; im Gegenteil. Energisch, ja kämpferisch vertraten Sie ihre Ansichten. Und dabei nimmt ihr publizistisches Werk einen ebenso wichtigen Platz ein, wie ihr architektonisches. Seit dem erscheinen ihrer wohl bekanntesten Texte „Ornament und Verbrechen“, sowie „Von einem armen, reichen Manne“ sind erst hundert Jährchen vergangen. Und vor zwei Tagen kommt nun ein Mann in mein Büro und beginnt ohne Umschweife:

 

„Ah, Herr Architekt! Danke dass sie mich empfangen! Ich brauche dringend ihren Rat, ich weiss nicht, wie es weiter gehen soll!“

 

Ich biete ihm erst mal einen Stuhl an und lasse vom Praktikanten ein Glas stilles Wasser bringen. Zur Beruhigung. Ich zünde mir derweil eine Zigarette an. Um den richtigen Eindruck zu machen. Mit etwas kühlerem Kopf spricht er schliesslich weiter:

 

„Nun, Herr Architekt, mein Leid begann vor etwa zwei Jahren. Damals sagte ich mir eines Tages: Du hast Geld und Gut, ein treues Weib und Kinder, um die dich der ärmste Arbeiter beneiden würde. Aber bist du denn glücklich? Siehe es gibt Menschen, denen alles fehlt, worum man dich beneidet. Aber ihre Sorgen werden hinweggescheucht durch eine grosse Zauberin, die Architektur. Du kennst sie nicht einmal dem Namen nach. Jeder Protz kann seine Visitenkarte bei dir abgeben und dein Diener reisst die Flügel auf. Aber die Architektur hast du noch nicht bei dir empfangen. Ich weiss wohl, dass sie nicht kommt. Aber ich werde sie aufsuchen. Wie eine Königin soll sie bei mir einziehen und bei mir wohnen.

 

Der Entschluss war gefasst und noch am selben Tage ging ich zu einem berühmten Architekten und sagte ihm: Bringen sie mir Architektur, die Architektur in meine vier Pfähle. Kostenpunkt Nebensache.

 

Der Architekt liess sich das nicht zweimal sagen. Es dauerte nicht lange, da tauchte er bei mir auf. Er warf alle Möbel raus, liess alle Verkleidungen und Innenwände herausreissen, bis schliesslich von meinem Hause nur noch ein mageres Skelett übrig geblieben war. Jetzt liess er ein Heer von Maurern, Malern, Gipsern, Schlossern, Schreinern, Zimmermannen und Möbellieferanten einziehen und ehe ich mich versah, war die Architektur auch schon da. Der Architekt beaufsichtigte nun noch den Fotografen, welcher dieses Meisterwerk ins beste Licht rückte. Sobald mein neues Haus dokumentiert war, übergab mir der Architekt den zugehörigen Schlüssel und endlich konnte meine Familie das neue zuhause in Beschlag nehmen.

 

Zu Beginn war alles in bester Ordnung. Wir waren sehr zufrieden und liessen uns von einigen Problemen nicht die Freude verderben. Das ist eben alles neu sagten wir uns, da muss man sich auch erst einmal daran gewöhnen. Wir gaben uns die allergrösste Mühe, uns mit der Architektur zu arrangieren. Man muss ja auch bereit sein, gewisse Kompromisse einzugehen. Doch die Probleme wurden nicht kleiner. Angefangen bei den Journalisten. Da unser Architekt berühmt ist und daher natürlicherweise einen wahren Meilenstein der Architektur schuf, wurden wir von den Medien nur so überrannt. Ständig hatte ich Interviews und Führungen durch das Haus zu geben. Und einer nach dem anderen sprach mir mit den besten Worten zu. Was für eine Freude es doch sei, dass es noch solche Menschen gebe. Dass ich mich einfüge in eine Reihe mutiger Menschen. Die bereit sind, für die Architektur auf so vieles zu verzichten und somit die Welt weiterzubringen. Mir wurde erst allmählich klar, was sie damit meinten…

 

Die Sache nahm ihren Lauf: Ganze Busladungen voller Architekturstudenten aus aller Welt ergiessen sich seither regelmässig über mein Grundstück. Auch in der Nacht nimmt das Blitzlichtgewitter nicht ab. Und da käme ich auch schon zum nächsten Problem. Es gibt weder Sonnenstoren noch Fensterläden. Die Fenster sind nämlich ganz aussen an der Fassade montiert, sodass dafür augenscheinlich gar kein Platz bleibt. Und die Fenster sind riesig, sage ich ihnen! Gross wie Schaufensterscheiben und ausser einigen kleinen Lüftungsklappen ist es nirgends möglich, die Fenster zu öffnen. Wobei das allerdings auch ein Vorteil ist, wie ich zugeben muss. Wenn wir die Fenster öffnen könnten, wären die Probleme ungleich grösser. Die Fassade ist nämlich etwas speziell, müssen sie wissen. Die ganzen Wände bestehen nämlich aus Beton. Aber nicht aus normalem, sondern aus sehr, sehr speziellem Beton. Aber wie der nun heisst und warum das so zu sein hat, müssten sie den Architekten fragen. Wie auch immer: Die ganzen Betonwände sind dann mit einer Farbe auf Honigbasis bestrichen worden. Wegen der Nachhaltigkeit, sagte der Architekt.

 

Es wurde aber nicht nur mit einer Farbe gestrichen. Die gesamte Farbpalette einer Firma namens NCS wurde verwendet, Stück für Stück. Die Fassade gleicht einem riesigen Puzzle aus Farbteilen. Oder einer Blumenwiese. Das Problem sind jetzt die zahlreichen Insekten, die von den Honigbestandteilen und den farbigen Flächen angelockt werden. Zeitweise ist unter den schwarzen Insektenschwärmen kaum mehr die Farbe der Wand erkennbar.

 

Zum Schluss gibt es noch Metall. Genauer gesagt rostendes Metall, das an manchen Stellen noch zusätzlich vor die Fassade gehängt ist. Es wurde von einer Maschine mit einem unregelmässigen Muster durchlöchert. Ich glaube, es zeigt die Bewegungsintervalle ausgewählter Grashalme auf der noch unbebauten Parzelle während einem Monat im Sommer, zu ganz bestimmten Zeiten. Aber ich bin mir nicht sicher. Und das ist auch nicht so wichtig, denn für die Vögel spielt das sowieso keine Rolle. Ein Vogelschwarm hat nämlich die massenhafte Beute auf unserer Fassade entdeckt. Und sich kurzerhand in den durchlöcherten Metallteilen eingenistet. Seither wird unser Haus ständig von weiteren Vogelschwärmen aller Art umkreist, welche den Erstmietern die Beute streitig machen wollen.

 

Kürzlich kam dann der Architekt vorbei, um eine Ausbesserungsarbeit zu überwachen. Bei dieser Gelegenheit sprach ich ihn auf unsere Probleme an. Und fragte, ob es nicht vielleicht unter Umständen eventuell möglich wäre, zumindest bei den Schlafzimmern je eine Store anzubringen. Die Fotos seien ja bereits gemacht und mittlerweile wären wahrscheinlich auch alle Architekturstudenten dieser Welt mindestens einmal hier gewesen, führte ich aus.

 

Nachdem er hochrot angelaufen war erwiderte er, sichtlich um Fassung bemüht: Hören sie, mein Lieber! Sie können da nicht einfach etwas Zusätzliches montieren. Überhaupt nichts! Sie würden das architektonische Konzept auf empfindlichste Weise stören. Und wir hätten auch von Anfang an nichts anders machen können. Alles ist genau so, wie es sein muss; wie es das Konzept verlangt. Da kann ich auch nichts dran ändern. Unmöglich! Was beschweren sie sich überhaupt? Sie haben die aufsehenerregendste Fassade im ganzen Dorf! Ein jeder beneidet sie darum und bewundert sie! Ich weiss wirklich nicht, warum sie hier so einen Aufstand machen!

 

Alles Folgende ist schnell erzählt: Meine Frau und die Kinder haben mich kurz darauf verlassen. Sie hielten es einfach nicht mehr aus, die ganze Nacht wach zu liegen, weil das Licht der Strassenlampen und Autoscheinwerfer das Zimmer ausleuchten. Dann noch bei dieser unsäglichen Hitze, weil man ja nirgendwo ein Fenster aufmachen kann. Was ja auch gut ist. Weil wir sonst neben den Schwärmen von Architekten auch noch die Vogel- und Insektenschwärme rund um die Uhr im Haus hätten.

 

Und hier bin ich nun, Herr Architekt. Ein niedergeschlagener Diener der Architektur. Und ersuche sie um ihren Rat.“

 

Der Mann ist schon ganz heiser, sein Glas längst leer. Ich lasse ihm erneut Wasser bringen. Stilles natürlich, zur Beruhigung. Während er Stimme und Kopf etwas abkühlen lässt, schweife ich in Gedanken ab. Sollte der Sieg gegen das Ornament etwa von derart kurzer Dauer gewesen sein? Haben sie umsonst ihr Leben auf diesen Kampf verwendet, Herr Loos? Oder war die Sache von Beginn an hoffnungslos? Ein Krieg, der gar nicht zu gewinnen ist, zumindest nicht dauerhaft? Denn das Ornament ist zurück, breitet sich immer weiter aus und…

 

Und dann werde ich unverhofft aus meinen Grübeleien gerissen. Schaukelnd strapazierte ich das Gleichgewicht meines funktionalen Breuersessels und wäre beinahe unsanft auf dem Boden gelandet. Auch das Verschlucken meiner brennenden Zigarette konnte ich gerade noch verhindern. Mit einer eleganten Bewegung bringe ich mich wieder ins Gleichgewicht. Drücke die Zigarette in den Aschenbecher und wende mich wieder dem Herrn mit dem Wasserglas zu.

 

Von meinem Vorschlag, er könne doch in den Keller seines Hauses ziehen, hält er nicht viel. Auch wenn dort alle seine Probleme gelöst wären, da er sich unter Terrain befände und somit viel weniger Fenstern ausgesetzt wäre. Der Vorteil wäre weiter, dass er sich nicht weiter Gedanken machen müsste um das Interieur. Da er es ja nicht benutzen würde, könnte der vom Architekten angestrebte Idealzustand immerfort beibehalten werden, ohne jegliche natürliche Störung. Und noch dazu mit sehr geringem Aufwand. Er bräuchte nur gelegentlich abzustauben. Auch um die Studenten und Journalisten bräuchte er sich nicht mehr zu kümmern, da er ja im Keller wohnen würde. Er müsste lediglich zur freien Besichtigung  des Hauses die Türe offen stehen lassen. Auch diese Argumente vermochten ihn nicht so recht zu überzeugen. Also schlug ich ihm das nächst naheliegende vor: Er musste sich ein neues Haus bauen. Ganz klar! Das aktuelle könnte er ja dann als Zweitwohnsitz verwenden oder einfach an einen Architekturliebhaber teuer vermieten. Nach kurzem Hin und Her war der Mann schliesslich überzeugt und verliess das Büro, meine Visitenkarte in Händen haltend.

 

 

3_Ich sehe Farbe

 

Sobald ich irgendeine Tageszeitung oder Fachzeitschrift aufschlage. Da werden vornehmlich Fassaden gezeigt. Da sieht man Farbe. Da sieht man Ornament. Da sehe ich schwarz.

 

Wo soll das noch hinführen? In den Medien werden nur noch Bauten umhergezerrt, die Aufsehen erregen. Alles ist nur noch Fassade. Sie hat die Macht, jedes noch so schlechte Gebäude zu retten. Der Innenraum hingegen  scheint eine terra incognita. Architektur ist nur noch auf die mediale Aufmerksamkeit ausgerichtet, auf die geilen Bilder. Je auffälliger desto besser, ein Spektakel jagt das andere. Alles, wirklich alles scheint plötzlich möglich zu sein.

 

Der einfache, bauende Architekt und dazu zählen die allermeisten, orientieren sich am aktuellen Baugeschehen. Der sogenannten Avantgarde folgt mit etwas Verzögerung die grosse Masse. Doch woran orientiert man sich denn heute als einfacher Architekt? Plötzlich können Gebäude knallbunt sein, rund, eckig, schief, geometrisch, fliessend, plump; Fassaden gelocht, gefleckt, kariert, gestreift oder alles auf einmal. Der Architekt wirft also seinen kleinen Farbkasten mit den zwölf Caran d`Ache Stiften und ebenso seinen alten Bleistift zum Fenster hinaus. Stattdessen besitzt er nun den Metallkasten mit 120 Farbstiften. Dazu jeweils die gleiche Anzahl an Aquarellstiften, Filzschreibern dick und dünn, Ölfarben, sowie die Belistifte aller verfügbaren Härtegrade. Kombinationsmöglichkeiten: beliebig.

 

Doch beim einfachen Architekten geht es nicht um Attraktionsarchitektur und das Gehabe einer Diva, sondern um alltägliche Bauaufgaben. Um 98% aller Bauaufgaben nämlich. Mit alltäglichen Problemen, alltäglichen Anforderungen und Richtlinien. Trotzdem hält die Maxime anything goes überall Einzug. Wo soll das noch hinführen?

 

Da sehe ich schwarz. Vor allem für den öffentlichen Raum. Nirgends wird man sich mehr unbehelligt aufhalten können. Egoisten, heute oft als Individualisten bezeichnet - also potenziell jeder und jede - belästigen den anderen mit seiner Musik. Oder Telefongesprächen in Opernlaustärke. Um den Tod des öffentlichen Raumes vollkommen zu machen, werden jetzt auch noch die Gebäude laut. Sie stellen nicht mehr länger einen würdigen Rahmen und Hintergrund für die Stadt und das Leben dar. Sie schreien um Aufmerksamkeit und drängen sich in den Vordergrund wie ungezogene Gören, denen man am liebsten eine zünftige Ohrfeige verpassen würde.

 

Die eine Möglichkeit besteht darin abzuwarten. Auf Grund des inflationären Erscheinens dieses Phänomens wird irgendwann eine Übersättigung erreicht sein. Doch das kann lange dauern. Zu lange. Das legt die andere Option nahe: Etwas zu tun, dem Wildwuchs Einhalt zu gebieten! Und zwar mit rigorosen Einschränkungen.

 

Das Zauberwort lautet: Typisierung! Für jeden Gebäudetyp wird ein Modell entwickelt. Ein Gebäude für jede Anwendung. Zusammengestellt in einem Katalog der verfügbaren Gebäude der Schweiz. Die Architektursprache ist gefällig, zurückhaltend und ausschliesslich schwarz/weiss. Ein Fachgremium überwacht die strikte Einhaltung des Kataloges und stellt den Zugriff auf die vorbereiteten Pläne sicher.

 

Die kleineren Gebäudetypen werden gleich komplett vorgefertigt und bezugsbereit auf die Parzelle geliefert. Selbstverständlich gibt es auch einen Gebäudetyp der unbewohnbar ist, aber geil aussieht. Für Architekturliebhaber und Geltungssüchtige.

 

Die Bauten werden natürlich ausnahmslos in Minergie P-Eco Standard gebaut. Von der Hundehütte bis zum Aussichtsturm. Und das Allerbeste kommt erst noch: Die Zersiedelung wird gestoppt und rückgängig gemacht. Dem Landfrass wird Einhalt geboten mittels der Typisierung. Aus einem einfachen Grund: Es wird kein Einfamilienhaustyp angeboten. Nur noch verdichtetes Wohnen mit maximaler Ausnützung und minimalem Landverbrauch. Falls dies gewissen Leuten nicht passt, können sie ja gerne in ein anderes Land umsiedeln. Irgendwo werden bestimmt weiterhin Einfamilienhäuser angeboten. In der Zwischenzeit wird die Schweiz zur allseits bewunderten Architekturhochburg. Zu einem verdichteten Paradies der Nachhaltigkeit und äusserlichen Konformität. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg in eine bessere Welt.

 

Um dieses Ziel zu erreichen müsste allerdings in einem ersten Schritt eine Gleichschaltung der Medien erfolgen, sowie eine strenge Zensur der Informationen, welche von aussen in das Land schwappen. Somit kann jegliche Kritik an den verfügbaren Gebäudetypen unterbunden werden und deren Akzeptanz in der Bevölkerung ist gesichert. Und eines schönen Tages wird endlich verkündet, was wir alle eigentlich längst wissen:

 

Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und überhaupt lautet (diesmal):

 

SCHWEIZ

 

 

 

(und nicht etwa 42)